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| - nach einem Märchen aus dem Norden. |
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Es waren einmal zwei ungleiche Schwestern. Fast zugleich erblickten
sie das Licht der Welt, doch sie konnten nicht verschiedener sein.
Einmal glücklich da, hielten sie immer zusammen.
Aber bis die beiden endlich in unseren Kreis treten! Das dauert
lange.
'Viel zu lang dauert mir das, dachte die Königin. 'Die Zeit verrinnt.
Jetzt wird sie allmählich knapp. Der König und ich, wir kriegen
und kriegen und kriegen kein Kind. Das Volk hat schon aufgehört,
sich zu wundern. Der Hofstaat hat aufgehört, sich in die Ohren
zu tuscheln. Der Herr Gemahl hat aufgehört, mich anzusehn. Und
dieser ganze weite Spiegelsaal dröhnt mir die Ohren voll. Ach,
Schwermut und Stille, das klingt lauter als alles Kindergeschrei.
Da riß die Königin rasch ein Fenster auf, schaute ins Weite und
dann auf den Platz. Dort unten spielten Kinder Verstecken. Eins
hielt sich hinter dem Wachhäuschen verborgen. Eins kauerte unter
dem Tisch der Spargelverkäuferin. Ein drittes drückte sich lang
und dünn an den Stamm der Kastanie. Ein Kind sollte die anderen
suchen, blickte aber just in diesem Augenblick auf, sah die Königin
oben an ihrem Fenster und begann heftig zu winken.
Die Königin winkte schweren Herzens zurück.
Nicht lange darauf bestellten Königin und König einen Mann ein.
Der erschien und war beflissen und übergab eine Kassette. Der
Kasten war mit grünem Leinen überzogen. Darin Bilder von großäugigen
Kindern.
"Wähl Du eins."
"Nein, zieh Du eins."
Am Ende schickten die beiden den Mann wieder fort.
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Eine gute Frau vom anderen Ende der Hofstraße brachte eins ihrer
Mädchen. Das spielte und schlief im Palast und durfte sogar nachmittags
dem Teefräulein zur Hand gehn.
An einem hellen Sommertag segelte dem Kind eine Papierschwalbe
aus dem offenen Fenster. Sie rannte die Treppen hinunter, eilte
hinaus auf den Schloßplatz, um den Flieger zu retten. Wie sie
wieder hinauf ging, hielt sie den Papierflügler sicher in der
einen Hand. Mit der anderen aber zog und zurrte sie ein armseliges
Bettlermädchen hinter sich her.
"Wen hast Du da mitgebracht, ach herrje", rief die Königin aus.
"Du bist aber ein besonders lumpiges Bettelkind. Bleib vom Teppich,
nimm einen Keks. Gruß an die Eltern."
"Bist Du die Königin, die keine Kinder bekommt?" So sprach das
Bettelmädchen. "Meine Mutter sagt, sie kann Dir welche verschaffen."
"Solche wie von Deiner Sorte?", fragte die Königin mißtrauisch.
"Das Königshaus dankt."
"An Deiner Stelle wäre ich ein wenig mehr interessiert", entgegnete
das schmutzige Kind. "Frag nur die Mutter."
"Will sich die auch noch einschleichen? Hier, eine letzte Katzenzunge.
Und dann ab."
"Frag nur die Mutter. Wirst schon sehn." Und das Schmuddelkind
stemmte sich breitbeinig vor die königliche Hoheit, die Hände
fest in die Hüften gestützt. Es warf die Schultern zurück und
wölbte einen nicht vorhandenen Bauch.
"Jetzt muß ich mich gar im eigenen Palast verspotten lassen",
klagte die Königin. "Nun spring los, geh die Mutter holen."
"Wein liebt sie. Die Alte nämlich. Roten Wein und süßen Kuchen.
Tisch ihr nur starken Wein auf, dann taut sie gleich auf. Gläser
nicht notwendig." Das Kind rannte los.
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Die schmutzige Alte erschien so schnell unter der Tür, als hätte
sie draußen gelauert. Sie delektierte sich am Wein, dann am Kuchen,
dann wieder am Wein. Verlangte nach einer zweiten Flasche.
"Die gibt es mit auf dem Weg. Jetzt gib Du mir erst mal was",
verlangte die Königin. "Ich will und will und will ein Kind. Wie
Du sicher schon weißt."
"Noch hat der Wein meine Zunge nicht gelöst," meinte die scheußliche
Alte. Doch das Bettelmädchen nahm ihr schnell die Flasche vom
Tisch und das Weib lenkte ein.
"Zwei Schüsseln mit Wasser laß abends in Deine Waschkammer tragen.
Benetz Dein Gesicht mit dem ersten Wasser. Die Hände säubere aber
in der zweiten Schale. Ruf den König herein. Schütte alles Waschwasser
über seine Füße. Am nächsten Morgen, wenn Du nachsiehst, ist vom
Boden alle Feuchtigkeit verschwunden. Doch dafür stehen zwei Blumen,
eine schöne und eine häßliche. Die schöne sollst Du brechen, klein
schneiden und auf einem Butterbrot verspeisen. Die häßliche laß
stehn."
"Ich muß mir das alles sauber notieren", seufzte die Königin.
"Sonst mach ich am Ende noch etwas falsch."
Die Königin tat, wie geheißen. Zwei große weiße Porzellanschüsseln
voll Wasser; Gesicht und Hände benetzt. Den König kommen lassen.
Alles über seine Füße gekippt. Den König beschwichtigt. Endlich
das Licht ausgelöscht und eingeschlafen.
Zwei Blumen wuchsen am Morgen danach. Soll ich sie beschreiben?
Die eine mit fleischigen Blüten, die andere ganz verwelkt. Die
eine mit glänzenden Blättern, die andere glanzlos. Grün die eine,
schwärzlich die andere. Die Königin hatte ihren Aufschrieb verlegt
und schnitt deshalb kurzerhand beide Blumen ab. Sie halbierte
ihr Butterbrot, belegte die Hälften mit dem feingehackten Grünzeug
und verspeiste die Mahlzeit mit großem Genuß.
"Das wird schon nicht schaden. Viel hilft schließlich viel."
Das tat es auch. Der Königliche Bauch schwoll an und füllte sich
Tag um Tag mehr. Die Königliche Hoheit lächelte glücklich. Eines
Tages aber legte sie sich ins Kindbett.
Eine nach der anderen, schlüpften die zwei ungleichen Schwestern
heraus. Mit großem Ach und Krach kam die erste. Einen Rührlöffel
hielt sie in der Hand! Auf einem Bock kam sie geritten! Was für
ein Graus.
"Mama, wir sind da!", krähte das garstige Kind.
"Gott helf mir, wenn ich deine Mama sein soll", rief die Mutter.
"Keine Sorge. Wir drei schaffen das schon. Da kommt ja noch eine.
Siehst, die ist viel hübscher als ich."
Da seufzte die Königin und brachte auch noch die andere Schwester
zur Welt.
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Dieses Kind war so schön wie die Ältere häßlich. Der König freute
sich über beide. Ob lieblich oder abstoßend, vor Gott und dem
König ist jedes Kind gleich.
Die Ältere ritt auf dem Bock, sang, schwang wild den Löffel. Die
Jüngere trippelte ihr hinterdrein, mit verklärtem Gesicht. Mutter,
Zofen, sie wollten nicht zusehn. Sie trennten die beiden, nahmen
die häßliche Schwester weg. Die Zweitgeborene schlüpfte ihnen
durch die Beine, schlich hinüber zum Geschwister. Wo immer die
eine war, da wollte die andere auch sein.
Auf der Straße klang es:
"Zottelhaube, Distelkind,
bockig wie ein Wirbelwind."
So sangen die Kinder, so schrie lauthals die Ältere. Zottelhaube.
Das Wort klebte an ihr wie eine schäbige Mütze. Sie trug es mit
Stolz. Der Name blieb haften.
Die Schwestern wuchsen heran, die Jahre vergingen, ein jedes in
seinem eigenen Takt. Die Königin blickte zum Fenster heraus. Sah
eine wilde Kinderschar. Darunter Zottelhaube auf ihrem Bock, mit
dem Löffel die freien Lüfte aufrührend. Die hübsche Schwester
im Pulk mit den anderen und ebenso wild.
In einer Julnacht ruckelte es in den Schornsteinen, trippelte
es auf den Dächern, klapperte es in den Fluren. Die Trollweiber
suchten den Palast heim. Hier wollten sie Weihnachten feiern;
das Schloßvolk hielt sich wohlweislich versteckt.
"Die Trollweiber? Auf's Dach will ich sie jagen!" Der Zottelkopf
war nicht zu halten. Die Schwester sollte derweil auf die Eltern
aufpassen, sollte Sorge tragen, daß alle Türen wohl verschlossen
blieben.
Zottelhaube ließ den Rührlöffel wirbeln und hetzte, hoch die Treppen,
runter die Treppen, hinter den Trollweibern her. Im sicheren Hort
freuten sich alle königlich. Was mußten diese Weiber auch immer
zur Weihnachtszeit schwärmen. Auf dem Flur war es bald still.
Der König öffnete beherzt die Tür. Unter ihm steckte die Schwester
ihren Kopf aus dem Zimmer. Doch das war nicht klug.
"Gott helf mir, mein Kind hat einen Kalbskopf", schrie die Mutter
auf.
Da fegte die Ältere auf ihrem Bock den langen Flur zurück
"Ein Dummschädel! Bei diesen Eltern auch nicht verwunderlich!",
wütete Zottelhaube. Die weinende Schwester fuhr sich wieder und
wieder über das Haupt. Zottelkopf überlegte nicht lange.
"Das muß sich ändern. So paßt Du mir gar nicht."
Mit der Schwester mußte sie zu den Trollhexen reisen; davon brachte
niemand die Bockreiterin ab.
"Vater, gebt mir ein Schiff, einen Steuermann, eine Mannschaft.
Zwieback, soviel das Schiff trägt. Reisen macht hungrig."
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Schließlich lenkte der König ein. Kopfjägerin und kalbsköpfige
Schwester brachen bald auf.
Wie mit der Feder gezogen segelte das Schiff geradewegs über die
See und auf das Land der Trollhexen zu. Das Schiff glitt in den
Hafen hinein.
"Das ist kein Geschäft für euch. Wer sich rührt, kriegt eins mit
dem Löffel", drohte Zottelhaube Schwester und Reisegefährten.
Sie selbst lenkte den Bock aufs Land und trabte den Anweg zur
Trollburg hinauf. Da stand schon der schöne Kopf ihrer Schwester,
auf einem Fenstersims. Ach, Tränen strömten aus den Augen, flossen
die Wangen hinab!
Zottelhaube preschte heran, griff sich das Schwesternhaupt, machte
kehrt, stieß dem Bock in die Flanken. Schwirrend und wirbelnd
brachen Trollgestalten aus allen Ecken hervor. Zottelhaube aber
ließ den Rührlöffel kreisen; der brave Bock selbst keilte und
rammte und stieß.
Entmutigt ließen die Tollhexen ab. "Haben wir nicht gut mit dem
Trollvolk verhandelt?", frohlockte die zottlige Jungfrau.
Die Mannschaft stand im Kreis, als Zottelhaube der schönen Schwester
den Kopf wieder aufsetzte und ihn sorgsam zurecht schob. Wohin
sollte es jetzt noch gehen? So früh schon in die Heimat zurück?
"Ich will und will und will noch was von der Welt sehn", rief
Schwester Wiederschön. Zottelhaube studierte die Karte.
"Wir sind ziemlich hier. Was man so Welt nennt, befindet sich
hauptsächlich dort."
Das Schiff nahm Kurs auf ein fernes Königreich. Dort ankerte es
im Hafen. Und wieder befahl Zottelhaube:
"Dies ist kein Geschäft für euch. Verhaltet euch still. Wer sich
rührt, den mische ich mit dem Breilöffel auf!"
Ein König, ein Witwer wohnte hier, mit seinem einzigen Sohn. Er
schickte seine Leute aus, um nach dem seltsamen Schiff zu forschen.
Sie erblickten ein häßliches Mädchen mit wirbelnden, zottligen
Strähnen. Es ritt auf dem Bock, trieb ihn hart über das Deck.
"Sagt Eurem König, wir sind da!", krähte das garstige Mädchen.
"Wer seid ihr?", riefen die Männer zurück.
"Zottelhaube mit ihrer bildschönen Schwester."
Zottelhaube
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Eine Bockreiterin? Mit einer bildschönen Schwester? So ein Unfug!
Der König eilte zum Strand. Zwei Schwestern erblickte er in trautem
Gespräch. Ach, und er sah nur die Schöne und wollte fortan nichts
anderes mehr sehn.
"Aufs Schloß? Dich gleich mir ihr verloben? Nichts da!", schrie
Zottelhaube vom Schiff herüber. "Versprich mir erst Deinen Sohn!
Der soll mich nehmen, dann heiratet Dich meine Schwester."
"Gott helf mir, ich will diesen Wirrkopf nicht haben", klagte
der junge Prinz. Vergebens. Für zwei Paare ließ der König die
Hochzeit bestellen. Der Sohn war verzweifelt. Solch schweren Kirchgang
hatte er noch nie unternommen.
In einer Kutsche fuhren König und des Zottelhaupts schöne Schwester
voraus.
Der junge Prinz auf seinem Pferd hintendrein. Neben dem Rappen
schnaubte der Bock. Zottelhaube ritt gleichmütig wie immer und
schwang den Rührlöffel nach altem Brauch.
'So jung bin ich noch und doch ist mir gar nichts mehr peinlich,
dachte der Prinz bei sich. 'Sofern ich diesen Gang überhaupt überlebe.
"Du bist recht still. Und das an unserem Freudentag", bemerkte
der Wildkopf.
"Ich trau mich nicht lauter freuen."
"Auch fragst Du recht wenig."
"Das ist, weil ich mich vor Deinen Antworten fürchte."
"Frag doch mal, warum ich auf diesem häßlichen Bock reite", schlug
Zottelhaube vor,
Der Prinz seufzte.
"Warum reitest Du auf diesem häßlichen Bock?
"Ist gar nicht häßlich. Schau doch genau hin."
Dies tat der Prinz. Just ebenda war aus dem Bock ein prächtiger
Gaul geworden, stärker und höher als der Rappe des Jünglings.
'Na und', dachte der Prinz. 'Ein feuriges Pferd macht eine Braut
doch nicht schöner'.
Und wieder ritten beide stumm nebeneinander. Zottelhaube lächelnd,
der Prinz sorgenvoll und bedrückt.
"Warum manche Prinzen gar nicht neugierig sind", begann das wilde
Mädchen aufs Neue.
"Ehrlich gesagt, will ich gar nicht so viel wissen."
"Frag doch mal, warum ich diesen blöden Breilöffel schwinge."
Der Prinz seufzte wieder.
"Warum schwingst Du diesen blöden Breilöffel?", fragte er schließlich.
"Ist gar nicht blöde. Schau doch genau hin."
Und wie er so hinsah, verwandelte sich der stumpfe Kochlöffel
in eine lange Reitgerte. Zottelhaube, die vortreffliche Reiterin,
hielt sie lässig und sicher.
Und weiter ging es. Der Prinz blieb in sich gekehrt wie ein paar
vom Wind verwirbelte Blätter am Wegrand.
"Ich weiß, was Du mich eigentlich fragen willst", warb Zottelhaube
wieder um ihn.
Als Antwort kam nur ein Seufzer. Aus tiefstem Herzen. Doch das
ließ der Wildfang, das lassen wir gelten.
"Frag doch mal, warum ich diese grauslige Zottelhaube trage."
Ein weiteres Mal wollte der Prinz aufseufzen. Doch er fragte stattdessen:
"Warum trägst Du diese grauslige Zottelhaube?"
"Ist gar nicht grauslig. Lieber Dummkopf, schau doch genau hin."
Dies tat der Prinz und sah die Verwandlung mit eigenem Auge. Da
schwadronierte kein rauhbeiniges Frauenzimmer, da ritt neben ihm
auf einmal das beste Mädchen der Welt. Nichts mehr zu sehen vom
zottligen, haarigen Filz. Jetzt warf ein Blondkopf das prächtige
Haar.
"Leider nur mittelblond," lachte die Braut.
"Die Farbe von Weizen und Sommer", antwortete der Prinz.
Bevor die beiden Schwestern in die Kirche traten, wandten sie
sich noch einmal um, faßten sie sich an der Hand, blickten sie
über die See.
So verschieden", sagte die eine.
Doch immer dieselbe", sagte die zweite.
(Berkeley, 22./23. Januar 1999)
© 1999 Gerhard Winkler (Text) Kiki Ketcham (Illustrationen) |
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