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Da war einmal was, das kreiselte in der Luft, blitzte feurig-grün
auf. Fiel herab wie ein Stein, verschwand im blasigen Schaum am
Rande des Tümpels. Die Kröte hatte das wohl bemerkt, aber sie
rührte sich nicht. Dann aber dröhnte der Boden, schwankten wild
die roten Kerzen des Blutweiderich. Eine knochige Hand fuhr in
den Morast, griff in den belebten, seltsamen Grund zwischen Wasser
und Erdreich, tastete wütend umher. Fuhr blind über Kopf und schwarzgrauen
Rücken der Kröte, zuckte jäh wieder zurück.
"Mein Ring, mein schöner Ring!"
Die Kröte rührte sich nicht.
Als der Tümpel mehr und mehr austrocknete, da zog die Unke weiter.
Was da lag und wartete, an einen grauen Lehmkloß gebacken, im
Abendlicht aufscheinend wie ein glühendes Auge, das kümmerte sie
nicht. Ein Fingerring. Grüner Stein auf weißem Gold; das Metall
kunstvoll gefügt. Jeder Goldschmied hätte nach der Lupe gegriffen
und lange die Gravüren studiert.
Regen fiel und mischte alles unter. Gottesgnadenkraut stand lange
Zeit und blühte lieblich. Einmal, da lagerte ein Paar ganz in
der Nähe. Vom Schilf her kam wehes Klagen; nur schnell wieder
fort. Aus dem Wald stolperten ein andermal müde Soldaten. Einer
um den anderen fiel in sein feuchtes Bett und fieberte der schwarzen
Nacht entgegen.
All' die Zeit lag der Ring da, einmal verborgen und von Blättern
und Krumen bedeckt, einmal freigelegt zwischen den Kräutern, blinkend
und sprühend. Ein Tupfer nur im schillernden, taufeuchten Teppich
von Pflanzen. Auch die Landsucher, die ausdauernd und wortlos
dem Sumpf alles Leben abgruben, sie bemerkten nicht den kostbaren
Stein. Als wäre dieser Fleck, mitsamt dem, was er trug und an
Schätzen barg, für keine Menschenhand bestimmt.
Nichts blieb dasselbe und über die Zeiten blieb doch alles gleich.
Es wuchs und zerfiel. Unzerstörbar, unbemerkt lag dazwischen das
Kleinod aus einer anderen Zeit.
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Als Robert hier umherstreifte, war der Acker lang' schon wieder
Brachland. Der Ring lag auf der Erde, als hätte ihn gerade jemand
abgestreift und sorgsam abgelegt. Robert schaute sich um. Es wisperte
und rauschte, von den Bäumen stieg ein Ton in die zitternde Luft.
Doch hier draußen war außer ihm keine Menschenseele.
Mit spitzen Fingern nahm Robert den Schmuck auf.
Der Ring ging nicht verloren, doch glitt bald aus Roberts Hand.
Er brachte ihn nämlich gleich zu Segna und sagte: "Sieh, wie der
Stein von innen her glimmert. Ich habe gleich an Deine grünen
Augen gedacht."
"Danke", sagte Segna, steckte den Ring auf den Finger. "Der paßt
aber nicht".
Doch er paßte genau. Schnell zog sie ihn wieder ab und steckte
den Schmuck fort.
"Ich muß jetzt gehn".
Segna wohnte mit einer Frau, die hieß Lisa. Nicht zu nah bei den
andern, nicht zu weit von den andern entfernt. Die beiden lebten
unbekümmert und frei.
"Schließ die Augen", bat Segna. "Gib mir Deine Hand."
Sie wollte Lisa den Ring überstreifen, doch Lisa sträubte sich.
"Zeig erst einmal her. O je! Was für ein dickes altmodisches Stück."
Ohne zu danken nahm sie das schöne Geschenk. Der Ring verschwand;
in einer Dose, einer Schublade, wer weiß es.
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Einmal war Segna eingeladen. "Geh nicht fort zu diesen dummen
Leuten. Bleib bei mir. Ich mach' es uns beiden gemütlich."
Segna blieb zu Hause mit Lisa.
Dann verkündete Lisa: "Ich bin ein paar Tage weg. Frag' einfach
nicht."
Segna erbleichte. Und schwieg.
Am ersten Tag putzte sie alle Zimmer. Schnitt Blumen. Legte eine
neue Tischdecke auf.
Am zweiten Tag las sie. Und stand am Fenster.
Am dritten Abend verließ sie das dunkle Haus, marschierte aus
der Stadt, kam bis an die Flußauen, kehrte um und wieder zurück.
Lisa wartete bereits. "Wo hast Du nur gesteckt?" maulte sie ungnädig.
"Schön, daß Du wieder da bist", antwortete die Freundin.
So ging das fort.
Von Lisa sprach Segna stets gut. "Sie hat Charakter. Sie paßt
sich nicht einfach an."
Einmal, da sprach einer schlecht über Lisa. Segnas Augen blitzten
feurig-grün auf, ihre Hände tasteten zitternd vor Wut. Sie fand
einen Becher, hielt ihn wie eine Waffe. Der Anschwärzer rutschte
erschrocken vom Stuhl und verschwand.
Ein andermal lachte der treue Robert besorgt und bemerkte: "Du
bringst morgens gern süßen Tee und Butterbrote zu Lisa an's Bett.
Und setzt Dich zu ihr und singst aus dem Stegreif kleine Lieder.
Über Lisas schimmerndes Haar, ihre schmalen Arme und Hände. Und
wer weiß noch."
"Wer behauptet das?"
"Lisa selbst hat damit geprahlt. Vor mir wie vor den anderen.
Sie lacht über Dich."
Wieder zu Hause, saß Segna traurig an ihrem Tisch, beugte sich
still über die Arbeit. Das Fenster war weit geöffnet. Ein Hauch,
ein sachtes Wispern. Auf der weißen Fensterbank saß regungslos,
vielleicht die längste Zeit schon, ein grasgrüner Hüpfer. Segna
streckte langsam die offene Hand aus. Der Heuspringer wich einen
halben Zoll zurück, blickte sie seltsam und altväterlich an. Als
wollte er sagen: "Spiel nicht mit mir".
Als Lisa in das Zimmer stürmte, war Segna allein.
An einem blauen Tag im September, da saßen Segnas Eltern draußen
im offenen Wagen. Die Hochzeit der Jüngsten stand an, Segna und
ihre Freundin sollten mitfeiern. Die langen Kleider, das ganze
Gepäck der beiden war bereits geladen.
Lisa nahm ihre Tasche wieder heraus. "Was soll ich denn da, bei
Deinen Leuten. Nichts für ungut, aber ich bleibe hier."
Die Mutter bat und versprach, der Vater drängte zur Eile. Segna
stieg schließlich ein, Lisa verschwand im Hausgang.
Natürlich kehrte die Unglückliche früher zurück. Leer war das
Haus, halb ausgeräumt und verwüstet. Die ganze Wäsche nur ein
armseliger Berg. Die Schranktüren standen weit offen, das Bett
auseinandergezogen, die Kissen verstreut. Statt eines Abschiedsbriefs
ein paar dahingekritzelte Worte: "Gar nichts verstehst Du!"
In der Küche und überall Scherben. Unter dem Tisch noch der Ring.
Segna nahm das funkelnde Stück, steckte es auf, ging zum Spiegel.
Sah sich selbst in die Augen, zum ersten Mal seit so langer Zeit.
Ein grünes Feuer loderte in einem weißen Gesicht. Ihr war so leicht,
so fiebrig.
Wie der Feuersturm glühende Späne verwirbelt, so trieb es Segna
umher. Endlich kam die Wilde zur Ruhe. Dort an der Senke, wo sich
ein Bach träge staute und einen kleinen Tümpel speiste.
Wo es nicht mehr weiterging , da kauerte sich Segna endlich nieder.
Sie war nicht allein. Aus dem blasigen, graugrünen Schaum ragte
etwas hervor; der Kopf und der warzige Rücken einer Kröte. Zwischen
den Schwimmblättern des Froschbiß standen daumennagellange Fischlein.
An einer langen Rispe ruhte eine Libelle, die Flügel aus Glas.
Drüben im Gras eine Ente.
Nur mit Mühe gelang es ihr, den Ring vom Finger zu ziehen. Sie
drehte und wendete ihn, still und in sich versunken. Was sie darin
sah, was sie darin fand, wer weiß es?
Der Ring aber schlüpfte wie von selbst wieder zurück, um Segnas
Finger und blieb dort.
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(Berkeley, 21.8.1998)
© 1999 Gerhard Winkler (Text) |
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