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3. Teil |
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Noch war es Nachmittag im Verdaner Vorgebirge. Lukas war immer
der schmalen Straße entlang geradelt, vorbei an Wiesen, Feldern
und bräunlich schimmernden Moorseen. Durch hübsche Weiler und
an schmucken Höfen vorbei. Amseln waren in die Luft gestiegen,
ein Storchenpaar hatte er gesehen und zwei Rehe. Immer näher,
immer dichter war der Wald an die Straße gekommen. Immer weniger
Menschen waren draußen; die letzte Stunde war er mit sich allein
gewesen. Die ganze Zeit hatte Lukas ein Lautenstück, eine Melodie
im Kopf; einen wahren Elfengesang:
Hor al mondi il grand Augusto
signoreggio nel angusto
aero speco vivrò teco
dove inviti coi vegiti.
Wer weiß, was das bedeuten mochte. Lukas summte die Melodie wieder
und wieder; sie paßte so gut zum Tempo, zur Landschaft.
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Jetzt saß der Dampfpraktikant auf einem Feldstein mit der Aufschrift
Balderschwang ca. 17 VM, Nemmerlang 53 (oder mehr) VM. Ein Weg
zweigte hier außerdem noch nach links ab, mit dem sorgsam gemalten
Hinweis Bergeinsamkeit rund 100 Verdanische Meilen. Diese
ungepflasterte kleine Straße war jedoch der ganzen Breite nach
mit einem Band in den Reichsfarben blau-gelb-weiß abgesperrt.
Außerdem war da noch ein Schild in den Boden gerammt. Die hastig
aufgepinselte Aufschrift: Drachengebiet! Durchfahrt verboten.
Lukas saß da, vesperte und hatte die Kgl. Kundendienst-Karte Nr.
13A vor sich auf den Knien. Wo war bloß der verborgene Weg, der
zu den Quellkieseln führte? Eingezeichnet war da nichts. Nachträglich
aufgemalt aber auch nicht.
Von wegen Gütige Fee! Von wegen Kundendienst-Karte!
"Guten Tag! Hast Dich verfahren? Kann ich Dir irgendwie helfen?"
Genau vor Lukas stoppte ein Mädchen auf einem moosgrünen, teuer
aussehenden Bergrad mit mindestens fünfzehn Gängen und einem versilberten
Rückspiegel.
"Klar doch. Ich bin zu doof, um Straßenschilder zu deuten."
"Entschuldigung."
"Bitte. Magst Du einen Schluck Wasser? Ist noch ganz frisch."
"Gern. Wenn du gestattest, steige ich ein wenig zu Dir herab,
junger Freund."
"Dampf- und Rohrbruch! Nicht nur, daß Du beinahe so aussiehst,
wie eine blöde Prinzessin, Du schwafelst auch schon so geziert
. Komm, steig ab, war nicht so gemeint
Immerhin ziehst Du Dich
ganz schön flott an, nicht so altmodisch an wie diese Dampfnudel
Khadifija. Diese blau-gelb-weiße Radlerhose - aber hallo! "
"Danke. Vielen Dank, daß Du für mich Platz machst. Von Herzen
auch Dank für das nette Kompliment."
So dünne Ärmchen. Aber Muskeln hat sie!, dachte Lukas. Und bot
ihr von seinem Vesper an.
"Ach, laß das gefälligst", brach es aus Khadifija. "Warum meinen
alle Leute bloß, ich müßte immerzu essen?"
Beide verstummten. Lukas kaute verlegen. Beide schwiegen sich
an. Von links kam kein Mensch die Straße hinauf. Von rechts kam
kein Mensch die Straße herunter. Da war überhaupt sonst niemand
auf Tour, an diesem heißen Sommertag. Lukas sagte:
"Es ist wirklich ein leckeres Brot, belegt mit ..."
"Vielleicht könntest Du mir ja doch ...."
"Entschuldigung, sprich Du weiter ..."
"Jetzt habe ich Dich unterbrochen ..."
Lukas gab lächelnd von seinem Brot ab. Das Mädchen hatte einen
ganz schön kräftigen Appetit.
"Ich muß Dir etwas sagen", sagte Lukas. "Jetzt, wo ich Dich näher
betrachte, da siehst Du kein bißchen aus wie eine blöde Prinzessin.
Das hast Du auch gar nicht nötig, solche Hauptstadt-Schnepfen
zu kopieren. Richtig dicke Haare hast Du übrigens, die sind wie
aus Bernstein. Aber das hast Du schon oft gehört."
"Das hat noch nie jemand gesagt. Noch so schön wie Du, meine ich."
"Ich heiße übrigens Lukas und studiere Dampf- und Rechentechnik
im letzten Semester."
"Das ist ja toll! Dampf- und Rechentechnik interessiert mich fast
am meisten." (Das war die reine Wahrheit.) "Ich bin übrigens Katja."
(O-oh, dachte Khadifija bei sich. Was fange ich denn da an?)
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Der Nachmittag verging. Lukas und Khadifija waren in der glühenden
Sonne gesessen, hatten sich zunächst warm, dann heiß geredet und
waren am Schluß ganz schön wild aneinander geraten:
"Lukas-DOS? Was soll das denn bedeuten?"
"Lukas-Dampf-Operatives-System. Damit kann ich einmal Rechner
steuern!"
"Dampfrechner lassen sich nicht regeln! Das weiß jedes Kind. Ebensowenig
wie Drachen, Elfen, Sonnenschein und Regenwetter."
"So? Wenn sich Dampfrechner nicht vorhersagbar verhalten, dann
muß es eben ohne gehen!"
"Ohne was?"
"Ohne Dampf!"
Khadifija lachte. "Gleich platzt Du alter Dampfkragen. Laß uns
zurück zu diesem Moorsee radeln. Gehen wir ein wenig schwimmen.
Oder hast Du keine Lust?"
"Schon, aber ich habe keine Badehose mit."
"Macht nichts. Du steigst zuerst ins Wasser. Ich schaue einfach
weg."
Aarkvardius war zwar ein feuersalamanderroter Drache. Aber nicht,
wenn er sich im Felsgewirr der Kemmerlanger Nadelspitzen verborgen
hielt. Dann war er grau und unscheinbar.
Weit unter ihm, im Tal, hatte die Kemmerlanger Drachenbrigade
die große Suchleiter ausgefahren.
Sie ragte zwischen den Tannen- und Kieferwipfeln hervor.
Hoch oben auf der Leiter hielt sich Dorflehrer Adam und blickte
durch seinen asphärischen Drachenorter.
Er zog einmal an der Meldeschnur. Das bedeutete "Kein Drache weit
und breit."
Zweimal würde bedeuten: "Untier gesichtet."
Dreimal hieße: "Männer, holt die Leiter herunter! Aber schnell!"
"Toni, das ist recht hübsch, aber irgendwie doch ein Männername",
meinte Eberhard.
"Ich bin ja auch hübsch, aber irgendwie doch ein Mann", antwortete
Toni und giggelte ein wenig.
Alle anderen aus der königlichen Jagdgesellschaft hatten sich
um das rollende Fäßchen Jägertee versammelt und sangen in frölicher
Runde die alten Lieder vom Waidmannsheil, vom Forst und von verschiedenen
Tieren.
"Dann seid Ihr aber kein echtes Damenquartett."
"Nur, wenn mans genau nimmt."
"Toni, weißt Du was? Sag doch einfach Ebi zu mir", giggelte Eberhard.
"Ebi, mein kleiner oregonischer Prinz. Weißt Du was, Du bist ja
ein richtiger verdanischer Grenzgänger geworden."
Beide giggelten.
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Sir Zeiber, der Große Alte Dampfmeister und Kremhilde, Königin
von Verdanien, saßen zusammen in der Bibliothek, beugten sich
über einen Zauberspiegel und und blickten angestrengt hinein.
"Ich kann das nicht so deutlich verfolgen."
"Er schreit wie am Spieß."
"Was, er schreit? Ich kann das leider nicht so gut sehen. Daß
man das auch nicht scharfstellen kann."
"Er hat gerade einen Blutegel entdeckt. An seinem Arm."
"Was macht Khadifija?"
"Sie ist bei ihm. Jetzt entfernt sie anscheinend den Egel. O-Oh."
"Was ist? Was passiert?"
"Schade. Doch nichts."
"Ich müßte eigentlich weiter radeln", sagte Khadifija. "Aber hier
ist es so schön. Ich meine, mit Dir."
"Ja. Ich muß sagen, ich habe noch nie ein Mädchen getroffen, mit
dem man so vernünftig sprechen konnte."
"So durch und durch vernünftig bin ich allerdings nicht", antwortete
Khadifija. Und dachte, was rede ich da? Und kitzelte Lukas zugleich
ausgiebig mit einem Grashalm.
"Ich bin gar nicht kitzlig. Vor allem nicht hier am Bauch. Hör
sofort auf damit!"
Über ihnen segelte eine weiße Wolke vorbei. Dann noch eine. Die
nächste stand still am Himmel.
"Katja, ich muß Dir etwas gestehen."
Khadifija erbleichte. (Er hat eine andere. Er ahnt, wer ich bin.)
"Im Prinzip dürfte ich gar nicht trödeln. Die warten doch auf
die Quellkiesel. Im Schloß, meine ich. Sir Beit, der Geheime Erste
Reichsrechenrat und all die anderen. Ich weiß zudem nicht, ob
mein Proto-Dampfrechner die Belastung noch lange aushält."
Zepter und Krone! Wenn der Hauptrechner ausfiel, dann gingen im
Reich aber die Lichter aus. Mit einem Schlag!
Khadifija überlegte.
"Da mußt Du natürlich rasch los. Leider mitten hinein in das Elfengebiet.
Diese Tanten kann ich ja gar nicht leiden. Mir hat einmal ..."
Sie verstummte jäh und schlug die Hand vor den Mund.
"Lukas, ich weiß etwas: Wir radeln zusammen und finden die Kiesel."
"Das wäre aber ganz schön unvernünftig von Dir, mich ins Elfenland
zu begleiten."
"Gib mir schnell einen Kuß, und ich verrate Dir, warum es doch
vernünftig ist."
Lukas gehorchte.
"Wenn man da hinaus wandert, dann ist es gut, wenn eine den Weg
weist, die sich mit Waldelfen auskennt."
"Wie willst Du Dich mit Feen und Elfen auskennen? Hast vielleicht
welche in der Verwandtschaft?"
"Wer weiß? Das kommt sogar in den besten Familien vor."
Lukas war nicht überzeugt. Er hatte ja seine Karte vom Kgl. Dampfkundendienst.
Hatte die Gütige Fee nicht gesagt halte Dich einfach an die Anweisung?
"Leg doch mal die Karte weg! Ich weiß, wie man den Weg sicher
findet."
Khadifija brach eine Ähre, legte sie an ihr Herz, warf sie in
die Luft und sprach dabei:
"Ich gebe Dich dem Wind,
Zeig mir den Weg geschwind."
"Das soll wirken?", zweifelte Lukas.
"Wie Du siehst", antwortete Khadifija. Sie hatte sich den Spruch
zwar eben erst ausgedacht, aber er erschien ihr als vollkommen
vernünftig.
Zeit zum Schlafengehen im Räuberwald. Die Jagdhunde kauern sich
dicht aneinander und stecken Ihre Schnauze unters Fell ihres Nachbarn.
Vroni, Moni und Irmentrud schnarchen schon im Damenzelt. König
Alfons sitzt noch am Lagerfeuer. Mit ihm die standhaften Duodezfürsten,
ein paar wackere Kabinettsmitglieder, der Botschafter von Oregonien.
Und in der Hauptstadt? Der Geheime Reichsrechenrat Beitz und sein
Stellvertreter Bittz, sie schnorcheln tief und fest im Kontrollraum
der Kgl. Schalt- und Waltzentrale. Königin Kremhilde sitzt noch
in Ihrem Boudoir und feilt an ihren Memoiren. Sir Zeiber, der
Große Alte Dampfmeister, der liegt in seiner Kammer. Auf dem Rücken
ruht er, die Hände über den Bauch gefaltet. Ob er schon schläft?
Und in der Felseinsamkeit?
Tief und fest in seinem kalten Echsenschlaf versunken: Aarkvardius,
der Feuerspeier. Das ist nicht schlau, denn die Kgl. Drachenfängerbrigade,
angeführt vom Dorflehrer Adam, die schleicht sich schon klammheimlich
(auf nicht so ganz leisen Sohlen) heran. Drachen, Monster, Ungeheuer
- da muß man nachts raus. Sonst erwischt man die nicht.
Tief im Elfenland, an diesem Abend, da lehnten zwei Bergräder
traut aneinander. Da stand auch ein einsames Zelt. In Zartrosa.
(Laß uns meines aufbauen. Die Farbe ist doch viel netter.)
"Was ist denn das?", fragte Lukas besorgt. "Was machst Du denn
damit?"
"Das ist mein Lieblingsbettbezug. In den schlüpf ich jetzt hinein."
Das tat Khadifija auch rasch und zog den Stoff hoch bis unter
das Kinn.
"So, jetzt kannst Du die Decke über uns legen. Du darfst mich
auch noch gern ein wenig streicheln. Nur wenn Du willst, natürlich."
"Wo?", fragte Lukas verwirrt.
"Hinter dem Ohr. Daß ihr Jungs auch nicht auf das Einfachste und
Naheliegendste kommt."
Lukas tat, wie ihm geheißen. Khadifija schien schon einzuschlummern.
Auch Lukas fielen die Augen zu.
"Katja, Du bist ein sonderbares Mädchen."
"Auch eine liebe?"
"Vor allem eine ganz liebe. Aber auch ein wenig seltsam. Vielleicht
bist Du doch eine Elfe."
Das bin ich nicht. Ich bin eine moderne, vernünftige, dem Eberhard
aus praktischen Gründen versprochene, jungfräuliche Prinzessin,
dachte Khadifija. Auch wenn mir das nicht immer leicht fällt.
"Khadifija, mach Dich nicht lächerlich."
Wer flüsterte da? Tante Elsbeth. Dem Himmel sei Dank, Lukas war
schon eingeschlafen. Khadifija schlängelte sich aus ihrer Hülle,
stahl sich aus dem Zelt, stand auf der mondbeschienenen Wiese.
"Guten Abend, liebste Tante."
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So schön war die Nacht. In den Ästen hingen Lichter wie Lampions.
Die Nachtfalter tanzten. Leichtfüßig, lachend versammelten sich
welche ganz in der Nähe. Eine Laute schlug an. Und eine helle
Stimme sang:
Con le stelle in ciel che mai
Vidi il Sol spiegar i rai
Chi tra gelo nel suo stelo
Amorosa star la Rosa.
Wer sah je, daß am Sternenhimmel die Sonne ihre Strahlen entfaltet?
Eine Schar Glühwürmchen spielte um Khadifija. Es war ihr Lied.
Die Tante hatte es ihr einmal gelehrt.
"Khadifija. Du hast mir meine Weissagung nie verziehen. Aber deshalb
mußt Du dir doch nicht aus schierem Trotz das Leben schwer machen.
Willst Du denn niemals von der Liebe kosten? Ein bißchen nur?
Geh und wecke Lukas auf. Geh mit ihm im Mondschein baden."
"Ach liebe Tante Elsbeth. Die Liebe kam ja schon, wie ich ihn
da sitzen sah. Und hat mich seither ganz fest im Griff. So heftig
ist sie wie ein Berggewitter, so mächtig wie ein Nordland-Drache
und so süß wie der wilde Honig aus dem Waldelfental. Der Lukas,
das ist mein Herzallerliebster.
"Dann geh zu ihm."
"Ich kann nicht. Ich bin doch schon dem Eberhard versprochen."
"Dieser Leuchtstreif. Ich habe mit den Schwestern in Oregonien
korrespondiert. Das ganze Land lacht über ihn. Der Held mag nur
Damenbärte."
"Ach liebe Tante Elsbeth. Ich werde den Eberhard niemals lieben.
Nie! Gerade deshalb wollte ich ihn ja nehmen. Aus praktischen
Gründen. Aber ich kann den Schwur nicht lösen. Eberhard selbst
muß mich freigeben."
"Das wird der Magerprinz niemals tun. Der giert schon so lange
über den Grenzzaun in unser grünes Verdanien."
"Ach liebste Tante Elsbeth. Ich hab noch eine Sorge. Wo kann der
Lukas nur die Quellsteine finden?"
"Khadifija, ich habe Euch welche mitgebracht. Hier sind sie. In
diesem Leinensäckchen."
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