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Am folgenden Morgen holte Nusrat tief Luft, sprang ins kalte Wasser, versank wie ein Stein, erreichte den Seegrund, machte es sich dort gemütlich und hielt Ausschau nach seinen alten Freunden, den Katzenhaien.

Nicht lange, und er feierte mit der Katzenbande das fröhlichste Wiedersehen.

Kaum hatte sich die erste Freude ein wenig gelegt, war es schon einige Tage später. Jetzt wurde es wirklich ein bisschen knapp, wenn Rosinchens Weihnachtsheringe rechtzeitig in Zitterfeld ankommen sollten.

"Ach, Freunde, helft mir, die OPTIMA wieder in fahrbares Gewässer zu bugsieren."

Diesen Gefallen taten die Katzenhaie Nusrat gern. Ein Buckelwal auf Geschäftsreise ließ sich gleichfalls nicht lumpen, unterbrach seine Fahrt, katzbuckelte gehörig, schob mit an und trug sein Teil dazu bei, Rosinas Trawler wieder flott zu machen.

Die Katzenhaie begleiteten die OPTIMA noch ein wenig an diesem Tag und verabschiedeten sich dann, weil sie noch auf eine Weihnachtsfeier mussten. Nusrat hatte an diesem Abend nichts Besonderes vor, außer geradewegs die Küste anzusteuern, bisweilen an Rosina zu denken, im Geiste Suchanzeigen zu formulieren und nicht den geringsten Gedanken an Weihnachten zu verschwenden.

Da schlug das Mobilfon in hohen Tönen an. Nusrat zuckte zusammen, griff nonchalant in seine Kapitänstasche, klappte das Teil auf, horchte hinein und erschrak gleich wieder.

"SAG, OB DU MICH HÖREN KANNST NUSRAT UND MACH MICH JA NICHT VERRÜCKT"

"Hallo? Liebe Tante Victoria?", begann Nusrat zweifelnd. "Ich könnte dich besser hören, wenn du nicht so schreien würdest."

"WAS NUSRAT"

"MAN HAT DAS TELEFON EXTRA ERFUNDEN DAMIT MAN NICHT MEHR SCHREIEN MUSS WUSSTEST DU DAS", schrie Nusrat zurück.

"ICH HÖRE DICH VERDAMMT SCHLECHT KEIN WUNDER ICH BIN JA AUCH WEIT WEG IN PALAESTRINA"

"In Palaestina bist du?", fragte der Seekater.

"AUF DEN SCHILDERN STEHT PALAESTRINA PALAESTRINA SO WIE MINESTRONE"

"Aha", antwortete Nusrat zweifelnd.

"ODER SPAGHRETTI ES GIBT DORT VIELE WORTE MIT STR IN DER MITTE"

"Spaghretti hat aber kein STR in der Mitte", warf Nusrat ein.

"ASTREIN ERKANNT LIEBER NEFFE UND WAS IST MIT STROMBOLI ICH RUFE EIGENTLICH AN WEGEN ROSTRINA ROSINA NATÜRLICH"

"Mach dir keine Sorgen um Rosina", antwortete Nusrat bekümmert. "Ich werde sie sicher finden", fuhr er tonlos fort. "Wahrscheinlich will sie gar nicht gefunden werden. Rosine ist selbständig und kommt überall allein zurecht." Hoffentlich merkte die Tante nicht, dass er an keines dieser Worte recht glaubte.

"NUSTRAT TELEFONIERST DU BEIM SKIPPERN STEUERST DU MIT EINER HAND WIRF SOFORT ANKER ODER SCHALTE DAS MOBILFON AUS"

"Ach liebe Tante, da ist weit und breit kein Gegenverkehr. Aber Rosinchen …"

Ein neuer schriller Katzenklang bohrte sich in Nusrats Ohr. Die Anzeige des Mobilfons leuchtete auf: Rosina wartet. Anruf entgegennehmen? Nusrats schoss das Blut in die Ohren.

"Hallo Tante, Rosina ruft eben an. Bleib in der Leitung oder wo immer du bist."

Nusrat drückte schnell die Ja, ich will in den zweiten Anruf hineinhören und den ersten Anrufer solange schmoren lassen-Taste.

"NUSRAT WIR SINDS FRIEDRICH KARL UND JOHANN. KANNST DU UNS HÖREN"

Dies waren Rosinas Brüder; wie alle Mitglieder in der Familie von kräftiger Statur und noch kräftigerer Lunge.

"Rosina?", war alles, was Nusrat stammeln konnte.

"FÜHRST DU SCHON BRAV DIE OPTIMA NACH ZITTERFELD"

Ein neues Lämpchen blinkte jetzt auf Nusrats Mobilfon: 1. Anrufer wird ungeduldig.

Nusrat schaltete um und beschwor seine Tante: "Es gibt wichtige Neuigkeiten von Rosina. Deine drei Söhne sind am Apparat. Hab etwas Geduld." Das Lämpchen blinkte aufgeregt. Nusrat schaltete schnell weiter. Auf einmal hörte er, wie jemand den Hörer abnahm und sagte: " … nicht zu spät am Dreiundzwanzigsten. Oder?"

"Rosina? Bist Du das, Rosina?"

"Nein, hier ist die Rosi. Bist du das, Nusrat?"

Nusrat schaltete schnell um zu Anrufer 1 und sprudelte los: "Ist das nicht seltsam, jetzt ruft sogar Rosi an oder war ich es selbst, der … Bleib dran, liebe Tante."

"ROSINA LÄSST DIR SAGEN, DASS NUR 49 FÄSSER NACH ZITTERFELD GEHEN DAS LETZTE IST FÜR DEN WIRT VOM LEDERNEN SENKEL"

"Wo zum Teufel steckt Rosina?", rief Nusrat den drei Brüdern zu. "Halt, nicht reden, ich schalte kurz um nach Palaestrina zu eurer Mutter beziehungsweise …"

Jetzt hatte er wieder Rosi in der Leitung. "Nusrat, weißt du zufällig, wo Rosina steckt? Ich muss ihr unbedingt etwas sagen, wegen ihrer Mutter. Die ist nämlich vor zwei Tagen kurzerhand nach Palaestrina geflogen …"

Nusrat schüttelte den Kopf. Schnell zum nächsten Verwandten.

"Ich flehe euch an, sagt mir, ist Rosina wieder aufgetaucht?", beschwor er die Brüder.

"WIESO, IST SIE VERSCHWUNDEN? GERADE NOCH VOR 2 STUNDEN SPRACH SIE ZU UNS ÜBER BORDFUNK"

"Über Bordfunk? Von einem Schiff? Von einem Flieger? Wartet eine Sekunde…"

"Rosina ist anscheinend auf einem Dampfer oder sogar in einem Flugzeug. Da bin ich aber froh. Nicht auflegen, ich komme gleich wieder zurück …"

"Nusrat? Hörst du mich? Nein? Ach, jetzt. Bitte richte Rosina von ihrer Mutter aus, es bleibt dabei. Am …"

"NUSRAT KURZ WEGEN WEIHNACHTEN DU KANNST NICHT WIEDER WIE LETZTES JAHR AUF DEM DACH DES SEEFAHRERHEIMS"

"ROSINA FRAGT WEGEN WEIHNACHTEN …"

Ein fragender Piepser.
Auf dem Display des Mobilfons erschien ein neuer Hinweis: Katz Waiting aktivieren? Warum nicht, dachte Nusrat zerstreut und drückte auf Klar doch. Sofort fiel das Mobilfon in tiefen Schlaf. Schluss. Aus. Alle Gespräche gekappt. Nusrat kippte und schüttelte den Apparat, doch der blieb dunkel und stumm.

"Wenn jeder Seefahrerclan so wäre wie der unsrige", stöhnte Nusrat. "Dann wäre kein Ozean still."



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