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Im Meer der Möglichkeiten hält Nusrat unbeirrt Kurs. Er steuert auf einen Küstenstreifen zu, den er weder sieht noch erahnen möchte. Eine Kontur, die er im Kopf hat, die er sich aber jetzt nicht vorstellen mag. Sonst ginge ihm ja, wenn das Land in Sicht kommt, der eine schöne Augenblick zwischen Unsicherheit und Wiedererkennen verloren.

Da liegt sie endlich in der Ferne, die Küste, und es öffnet sich ein Spalt. Eine helle Lücke nur im grauen Dunst, auf die Nusrat sein Schifflein ausrichtet. Hinein in die Mündung, der breite Strom verengt sich bald; an einem bestimmten Punkt lässt der Seekater schließlich die OPTIMA auf der Stelle drehen und in einen Kanal einfahren. Der ist so schmal, dass links und rechts des Trawlers nur Platz für den sprichwörtlichen Fußbreit bleibt.

Tatsächlich springt Nusrat manchmal aus dem Kahn und auf den Deichrand. Er begleitet Rosinas Frachtschiff wie ein Fuhrmann sein Gespann und wenn er jetzt nicht fröhlich pfeift, wenn es ihm auf seiner Reise nach Zitterfeld nicht zu fidel wird, dann liegt es an dem scharfen Dezembersturm, der über die Felder jagt, über die Böschung fegt und den Trawler immer wieder ans windabgewandte Ufer drückt.

" Was vielleicht aussieht wie eine Route", denkt Nusrat, "das ist in Wahrheit ein fortschreitendes Verengen meiner nautischen Möglichkeiten." Seekater lieben Richtungswechsel, sie brauchen Spielraum und wenn es daran fehlt, dann wünschen sie wenigstens Abwechslung.

Abwechslung gibts aber nicht auf dieser Strecke. Nur einen Punkt dort auf dem Deich, der langsam heranwächst, der mit der Zeit größer wird, der sich auswächst bis zu einer wahrhaft kläglichen Gestalt. Eine Art Wandervogel, arg zersaust, das Gewand schmutzig und schwarz, die Nase sehr spitz und rot. "Sieht aus wie ein Schluckspecht", denkt Nusrat.

Nusrat steht hinter dem Steuerrad. Der Schluckspecht hält auf der Deichtrasse Schritt.

"Gehts auch da lang?", fragt Nusrat.

"Immer grad so", antwortet der Vogel.

"Und wohin am End?", fragt Nusrat.

"Dort, wo ich Unterschlupf finde. Zwischen Kind und den Königen."

"Und wo wird das sein?"

Der Vogelscheuch sagt darauf nichts; Nusrat lässt ihn schließlich mit auf das Schiff.

So geht das weiter. Dann taucht wieder ein Punkt auf. Dort auf dem Deich. Der heranwächst, sich mit der Zeit auswächst zu einer kläglichen Figur. Ganz versengt das Kleid, der Hut halb verkohlt, die Finger in den fingerfreien Handschuhen sehr dünn und rot. Ein Feuerschlucker vielleicht und wenn ja, dann ohne Fortüne.

"Gehts auch da lang?", fragt Nusrat.

"So langs da geht", antwortet der Feuerschlucker.

"Und wohin gehts am End?", fragt Nusrat.

"Dort, wo ich Unterschlupf finde. Zwischen Kind und den Königen."

"Und wo mag das sein?"

Der Feuerschlucker verschluckt traurig seine Antwort; Nusrat nimmt ihn schließlich mit auf das Schiff.

So weit das Auge sehen kann, sieht es immer dasselbe. Bis auf einen neuen dunklen Punkt dort auf dem Deich. Der aber gar nicht recht wachsen, der sich lieber klein machen will. Der sich nach und nach auswächst zu einer kläglichen Figur. Selbst der Feuerschlucker, selbst der Schluckspecht seufzen erschrocken auf. Ganz zerrissen die Hose, das Hemd zerschlissen, die bloßen Füße in den Schuhen ganz rauh und rot. Ein armer Schlucker.

"Gehts auch da lang?", fragt Nusrat.

"Lang geht es wohl nicht mehr", antwortet der arme Schlucker.

"Und wohin gehts am End?", fragt Nusrat.

"Dort, wo ich Unterschlupf finde. Zwischen Kind und den Königen."

"Und wo könnte das sein?"

Der Wind verschluckt die Worte des armen Schluckers; Nusrat zieht ihn schließlich herauf auf das Schiff.

Mit der Zeit kommen sie an eine Stadt und die OPTIMA passiert einen kleinen Bahnhof, eine Glasfabrik, ein Telegrafenamt und kreuzt sogar einen Fluss. Der Kahn schlüpft unter Brücken hindurch und über einer stehen Menschen und werfen beim Laufen die Arme hoch und rempeln sich an und tun ganz erschrocken.

Nusrat legt bei, sichert die OPTIMA, befiehlt seiner armseligen Truppe, sich dicht an ihn zu halten. Den Schluckspecht, den Feuerschlucker und den armen Schlucker im Schlepptau, gelangt der Seekater bis zur Stelle, wo die Verwirrung am größten ist. Ein Kind fiel in den Schacht und der Schacht steht unter Wasser.

Nusrat wechselt einen langen Blick mit dem Schluckspecht. Der nickt endlich, sagt zur Menge: "Lasst mich durch"; Nusrat bahnt ihm den Weg frei bis zum Eingang ins Erdreich. Dort hinein klettert der Schluckspecht und unten angekommen, schluckt und schluckt er die ganze Brühe hinunter, bis der Grund trocken liegt und auf dem Grund augenaufschlagend das Kind. Der Retter greift es und bringt es hinauf. Dort weint der Kleine erst, dann lacht er; was für ein Wunder! Der Vogelmensch hat es vollbracht. Er darf sich eine Belohnung wünschen. Dass er in der Stadt bleiben darf, für die Zeit zwischen Kind und den Königen, das wünscht er sich, und dass er in einer warmen Stube hausen darf, solange er in der Stadt weilt.

Nusrat aber sagt: "Wir müssen weiter" und in der Aufregung vergisst er, die Einladungskarte des Hauses ZUFLUCHT auszufüllen und auf die Post zu geben.

Das Schiff nimmt Fahrt auf. Bald kommen sie erneut an eine Stadt. Die OPTIMA passiert eine Remise, eine Manufaktur, eine Wache vor ihrem Häuschen und kreuzt zum zweiten Mal einen Fluss. Mit einem Mal quillt Rauch durch die Straßen, eine bauchige schwarze Wolke steigt auf, Menschen eilen an den Kanal, bilden eine Kette, tauchen hastig Eimer hinein.

Nusrat stoppt, vertäut die OPTIMA, befiehlt seiner armseligen Gefolgschaft, sich dicht an ihn zu halten. Sie dringen vor bis zu einer Kirche. Schon brennt das Chorgestühl lichterloh. Nusrat wechselt einen langen Blick mit dem Feuerschlucker. Der nickt endlich, befiehlt den Bürgern, stumm und verzagt die Eimer durchreichen: "Haltet ein". Nusrat hat noch nie einen Feuerschlucker bei der Arbeit gesehen. Er nimmt deshalb an, so einer schluckt wirklich die flammende Speise hinunter. Doch das stimmt nicht, der Feuerschlucker pumpt die Backen voll Luft, bläst alles, was lodert, nach und nach aus.

So wird die Kirche gerettet und die dankbaren Bürger beschließen, dem Feuerschlucker Unterschlupf zu gewähren, ihn aufzunehmen und zu behalten zwischen dem Kind und den Königen. Und, wie sie betonen, trefflich verköstigen während all dieser heiligen Tage.

Nusrat aber ruft: "Wir müssen weiter," und im Trubel vergisst er ganz, die Einladungskarte des Hauses ZUFLUCHT endlich zu beantworten und auf die Post zu geben.

Tags darauf, in einer Auenlandschaft, verflacht der Deich, der Kanal geht nach und nach in ein Flüsschen über. Nusrat steuert die OPTIMA zwischen Kieselbänken hindurch; der Kahn gleitet jetzt mal am einen, mal am anderen Ufer entlang. Eine Stadtmauer, die Häuser dahinter bleiben unsichtbar, ragen noch nicht einmal über den Wall. Dort ein Ochsengespann. Und sogar ein Reiter; in seltsamer Rüstung. Am Ufer kniet ein Kind und schaut in das Wasser und ist so betrübt, es merkt gar nicht auf.

Nusrat wechselt einen langen Blick mit dem armen Schlucker. Der nickt endlich, sagt zum Seekater: "Hab Dank fürs Mitnehmen". Springt dann ans Ufer, geht zum Kind, kniet vor ihm nieder, sucht etwas in der Tasche. Findet es und bietet es an. Das Kind lacht, klatscht in die Hände. Beide zusammen wenden sich um, nehmen den Weg zur Festung hinauf.

Nusrat aber erinnert sich an die Weihnachtsheringe und an sein Versprechen gegenüber Rosina und er fragt sich wieder, wo das Kusinchen wohl geblieben sein mag und über all dem vergisst er ganz, die Einladungskarte des Hauses ZUFLUCHT zu beantworten und selber die Poststelle aufzusuchen. Dort in der Ansiedlung, die hinter ihm rasend schnell vergeht, im Einerlei verschwindet wie eine Erinnerung oder ein Tagtraum.
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