 |
Janet nennt Tam Lin
Die große Halle, halb Schiffsbauch, halb Höhle, kennt alle Abstufungen zwischen Zwielicht und schwärzester Nacht. Was sich in diesen letzten Wintertagen noch an Torfsoden und Scheiten verfeuern lässt, die Knechte von Chester Hall legen es nach, füttern den großen Kamin.
Ein Glimmen, Aufflackern. Ein Funkenschlagen und Knistern.
Die dicke Uta steht am Feuer. Im Widerschein tanzen die Linien, hüpfen die schweren Backen in ihrem Bulldoggengesicht. Die Köchin von Chester Hall stopft Vogelleib um Vogelleib auf einen Spieß. Griesgrämig, doch zugleich mit einer wortlosen Genugtuung, die Jung und Alt vor Entsetzen die Augen weitet.
Zwei glücklose Anführer haben ihre Schemel dicht ans Feuer gerückt. Sie stieren vor sich hin oder nicken langsam ein oder schauen tief in den Becher. Anscheinend sehen sie beide dasselbe dort auf dem metallenen Grund. Jedenfalls blicken sie sich oft und lange und wortlos an, mit einem Ausdruck blanken Verstehens.
Meckerndes, scharfes Gelächter kommt aus dem Halbdunkel dort drüben. Unter einer Decke stecken zwei, die so gern Hexen oder Heldinnen wären. Sie tuscheln und feixen und wer an ihnen vorbeigeht, spürt ihre Blicke, hört grelles Lachen.
Janet tastet nach dem Tisch, hält sich an der Kante fest, zieht sich langsam hoch. Was sie nur hat. Ach, nun. Nun ist es schon sehr lange her, dass sie Carterhaugh aufsuchte. (Gar nicht so lange; es ist nur so viel schon passiert.)
Ein dünner Schrei. Flattert ein Vogel im Saal? Es dauert eine Weile, bis jeder merkt: Jemand empört sich über Janet! Gleich folgen alle Köpfe dieser Klage, folgen Lady Chesters spitzem Finger.
Vor dem gelben Schein hebt sich ein Umriß ab. Die Königstochter. Ihr Bauch heftig angeschwollen, rund gewölbt wie der eines Ponys. Die Unglückliche! Wer hat ihr nur dies Blähkraut zugesteckt?
"Janet!", piepst die Mutter.
Janet greift an ihre Hüften, rückt sich langsam zurecht, dreht sich zum Thron. Mit einigem 'Aah'! Und 'Oh'! Und 'Ach ja'!
Und dann seufzt sie laut auf, sagt sie schließlich: "Ach was!"
Das bleibt für einige Zeit ihr letztes gesprochenes Wort.
Was sich im Haus, in der Umgebung an Milchbärten herumtreibt , alle die wieseldünnen, feinnervigen, großäugigen, wortkargen jungen Männer, man scheucht sie vor den Herrn von Chester Hall. Die Blüte des Landes, grau-grün im Gesicht, peinlich berührt, starrt zu Boden, die Tochter des Landes schüttelt den Kopf.
Sodann treten gestandene Krieger, in Ehren ergraute Recken einzeln vor Lady und Lord Chester, halten längere Reden und schwören.
Janet schließt die Hände unter dem Bauch, hocht und strahlt in sich hinein.
Was für ein Ärger, denkt Lord Chester. Er möchte seufzen, aber ihm fehlt die Lust.
Der Mutter liegt im Schoß ein Brevier. Janet stapft zur Königin, bückt sich laut ächzend, nimmt das heilige Buch mit der Linken. Legt darauf die große Rechte. Schwört, der Kindsvater sei Tam Lin. Eben der nämliche Tam Lin vom Elfenvolk. Niemand sonst. Und fertig.


Wieder in Carterhaugh
"Und dann?"
Wer das fragt? Tam Lin selbst, denn Janet floh sogleich nach Carterhaugh. Achtete nicht auf den Regen, duckte sich kaum im Sturm. Stapfte geradewegs weiter, wie in einer eigenen Spur.
"Was geschah dann?"
"Dann haben alle durcheinander geschrien", berichtete Janet. "Ich wusste ja gar nicht, was man auf Chester Hall für schreckliche Vorurteile gegenüber Elfen pflegt."
Tam Lin seufzte und Janet sagte: "Ganz recht!"
"Ihr vom Schweigsamen Volk wisst allerhand Kräuter. Ich soll Euch danach fragen, soll in Erfahrung bringen, was Elfenbälger schnell und sicher wegmacht."
Tam Lin seufzte schwer und Janet sagte: "Keine Angst!"
"Ich passe auf unser Kind auf. dem wird nichts geschehen. Irgendetwas Besonderes, auf das man achten muss, wenn man Halbelfen unter dem Herzen trägt?"
Tam Lin seufzte erneut und Janet sagte: "Hab ichs mir doch gedacht!"
Sie küsste ihn kurz und herzte ihn mehr und drückte ihn fest. Trat einen Schritt zurück. Sagte: "Kopf hoch, Elfenmann. Dieses Kind werden wir schon irgendwie schaukeln."
Und Janet zog den grünen Umhang wieder über den Kopf und stapfte los. Zurück nach Chester Hall.

[weiter]
|
|