hosted by brain-affairs webservices


[Start] [Märchensammlung] [Marktplatz] [Kritiken] [Mail] [Besucherbuch] [Impressum]
 




Tam Lins Brief

Im April, das muss man sich vorstellen, erst spät im April kommt ein Schreiben von Tam Lin! Eine Nachricht an sein Elfenliebchen. In einem Beutel aus Leder, in dem noch allerlei steckt. Rosenblätter, ein feingewirkter grüner Schal, ein Löffel aus Silber, ein goldener Fisch am Haken und anderes mehr.

Janet öffnet den Brief, entfaltet ein Blatt.

So still wird es in der großen Halle. So still, dass alle auf einmal den goldenen Balken bemerken. Der führt vom Fenster gerade hinunter bis an den Tischrand. Vollkommen gerade ist diese Brücke aus Licht. Die Welt um ihn steht leer und grau; der Lichtbalken selbst ist angefüllt mit tanzendem Leben.

"Oha", sagt Janet. "Oh nein. Das ändert zwar nichts. Oder doch: Tam Lin ist kein Elf."

"Er wurde geradewegs entführt. Als kleines Kind. Ach nein. Ein böser Verwandter hat ihn dem Schweigsamen Volk ausgeliefert. Ganz falsch! Man fing ihn ein, als er unter einem Baum schlief. Wie auch immer, Tam Lin erinnert sich nicht mehr. Zu lange her. Es war aber während eines Gewittersturms. Soviel kann er sicher sagen.

'Vom lustigen Leben unter den Elfen.' So heißt der nächste Absatz. 'Vom Baden in einsamen Waldseen.' Diesen Teil lassen wir auch aus. Oh nein! Was muss ich da lesen:

"Alle sieben Jahre, in der Nacht zum ersten Mai, da bringen die Elfen ein blutiges Opfer dar. Heuer werde ich es wohl sein, umso mehr, als ich der Geringste unter ihnen bin. Und die Elfenkönigin von unserer Liebe ahnt."

Janet! Wer hier im Saal den Kalender weiß, wer ein wenig rechnen kann, der zählt und misst ab und schreit auf. Janet! Heute ist der letzte Tag im April! Heute nacht feiern die Elfen ihr schreckliches Fest.










Janet rettet Tam Lin

An diesem Abend, noch bevor die schwarze Nacht einfiel, da verbarg sich Janet an der Kreuzung oder unter der Brücke. Und wartete ab. Ihr Geliebter hatte geschrieben, dass nicht an Rettung zu denken wäre.

Verderben würde er müssen, denn er wüßte niemanden, der sich just an der Kreuzung (oder unter der Brücke) versteckt halten könnte. Keinen, der den Mut dazu hätte. Ihm, dem Tam Lin beizustehen. An diesem nämlichen Abend, der ersten Mainacht.

Ein Tapferer, der gleichmütig abwarten würde, bis der ganze wilde Elfenzug vorbei ritt. Bis die Reiterei hier durchkam, auf ihrem Weg zum Opferplatz. Ein besonders Tapferer müsste das sein.

Ein Retter, der Rappen und Reiter an sich vorbei lassen würde. Der auf die Braunen und ihre Reiter nicht achten würde. Der aber den einzigen Menschen unter den Rittern, nämlich Tam Lin auf seinem Schimmel, schnell und ungehemmt zu Boden reißen würde. Den Schimmelreiter, wohlgemerkt!

Genau so war der Plan.

Ein Held, der diesen einen besonderen Reiter (wie gesagt, Tam Lin selbst) sofort und umstandslos unter seinem Mantel verbergen müste. Wer hätte dazu den Mut?

Dass dieser Mantel oder Umhang grün war, dies war besonders wichtig.

Sicher würde er, Tam Lin, jetzt seine Seele Gott empfehlen. Denn niemand hätte den Schneid, ihn vom Schimmel herunter zu holen. (Nicht von einem Rappen, von irgendeinem Braunen und auch nicht vom Rotfuchs. Vom Schimmel!) Und unter einem grünen Mantel zu verbergen. Der Mantel müsste grün sein, sonst wäre sowieso alles aus.

Er bitte nur, seine armen Eltern zu grüßen, falls diese noch lebten. Sowie Lady und Lord Chester, unbekannterweise. Er bitte ferner um ein christliches Grab, doch nur, sofern noch etwas von ihm übrig bleiben würde. In dieser nämlichen, bitteren Nacht.

Wer war ausreichend furchtlos und stark? Wer würde es wagen, den schweigsamen Leuten zu trotzen? Janet allein. Sie sah sich in der Halle um. Da wagte keiner, ihr zu widersprechen.

So stand Janet schließlich allein und im Abseits, eingehüllt in einem grünen Umhang, wartete auf den Elfenzug und auf Tam Lin, ihren Mann. Stöhnte ein wenig und gleich noch mehr.

Da hörte sie schon Hufgetrappel. Sie trat hervor und sah erst die Rappen passieren und dann die Braunen, und vor dem Rotfuchs kam tatsächlich ein Schimmel. Und sie sprach zu sich: Jetzt aber! Und zupfte und zerrte den Reiter vom Pferd, schlug ihn flink ein in ihren Umhang und hatte Tam Lin endlich geborgen. Stand trotzig da, nahm den Kampf auf.

"Was immer geschieht, halt mich fest", hatte Tam Lin geschrieben. Das tat sie.

Ihr Mann verwandelte sich in einen schlüpfrigen Molch. Sie hielt ihn dennoch.

Und er wurde zu einer sich windenden Schlange. Sie lockerte nicht ihren Griff.

Und er wuchs zu einem schrecklichen Löwen. Den hielt sie genau so.

Und zuletzt nahm er seine eigene Gestalt an und ruhte nackt und friedlich in ihrem Arm. Und sie hielt ihn einfach weiter.

Da preschte die Elfenkönigin auf die beiden zu, bückte sich, schlug Janets Mantel zurück, schaute Tam Lin tief, seelentief in die Augen und sprach: "Hätte ich Dich heute morgen so angesehen wie jetzt, wärst Du als Baum zurück im Wald geblieben."

Aber Tam Lin erwiderte: "Meine Frau, mein Kind. Die beiden brauchen ein Bett und ich ein Zuhause."

Tags drauf, so heißt es, brachte Janet ihr und Tam Lins Kind zur Welt. In einer anderen Fassung wünscht ihnen die Elfenkönigin Glück. So oder anders ist es gewesen. Und wenn die Waldherrscherin der Hölle siebenfach den Zehnten verspricht, damit sie ihren Verwalter wieder erhält: Das Lied endet jetzt. Ohn‘ Umschweif und auf der Stelle.

Bevor wir selbst wieder aufbrechen, hat sich der Erzähler schon von uns verabschiedet. Du schaust ihm nach und dann lachst du leise. Du hättest gedacht, der schwarze Mann würde ins Weite hinaus wandern, irgendwann zwischen den Feldern untertauchen. Aber dort steigt er schon in sein Auto und es ist noch nicht einmal grün.






[Altona & Finning, 26.9. 2000]
© 2000 Gerhard Winkler

[Anfang]
zurück zum Seitenanfang
[Start] [Märchensammlung] [Marktplatz] [Kritiken] [Mail] [Besucherbuch] [Impressum]

hosted by brain-affairs webservices